Schweige und höre

„Schweige und höre, neige deines Herzens Ohr, suche den Frieden“

Angelus Silesius

Das obige Bild habe ich als selbstgemachte Collage von meiner Mutter zu Weihnachten als Karte bekommen. Es fiel mir wieder ein, als ich am letzten Sonntag einen Achtsamkeitstag im Rahmen eines MBSR-Online Kurses durchgeführt habe. Diese Achtsamkeitstage finden in Stille oder im Edlen Schweigen statt. Wenn wir ihn die Stille gehen, ist es das, was wir beginnen, wir lauschen nach Innen. Vielleicht auf unsere Gedanken und Gefühle, vielleicht können wir uns aber auch mit dem Herzen verbinden. Und damit meine ich nicht unser schlagendes, physisches Herz, sondern unser wahres Herz. Das wahre Herz, dass für das steht, was wir im Tiefsten wirklich sind. Und wenn diese Verbindung entsteht, entsteht Frieden in uns. Und dieser zeigt sich durch eine Stille, die tiefer ist als die Stille, durch das Wegfallen der äußerlichen Geräusche. Es wird alles ruhiger, die Wünsche, die Sehnsucht, die Ängste, der Ärger etc.. Und dahinter zeigt sich vielleicht nur für Bruchteile von Sekunden, unser Herz. Und diese Verbindung zu unserem Herzen stärkt auch die Verbindung zu anderen Wesen.

Wir können dieses Zitat von Silesius jedoch nicht nur auf die Meditation beziehen, sondern auch für den Alltag nutzen. Wenn wir in Kommunikation mit anderen Menschen sind, können wir das Schweigen und Hören gut üben. Häufig hören wir die Worte und sind gleichzeitig schon bei unserer Antwort. Wenn wir in Gesprächen einmal schweigen und hören, und damit auch unsere schon entstehenden Antworten „schweigen“ lassen, können wir uns mit dem Gesagten verbinden, wie mit unserem Herzen. Und damit auch die Verbindung zu unserem Gesprächspartner neu erfahren. Egal, ob uns das Gesagte gefällt oder nicht, können wir vielleicht hören, was neben den Worten noch gesagt wird, welche Gefühle und Bedürfnisse mitschwingen. Und aus dem schweigenden Hören heraus unseren Impuls der Antwort erkennen und uns möglicherweise Zeit nehmen für diese. Und vielleicht auch bewusster antworten und damit den Bedürfnissen unseres Gegenübers besser entsprechen. Das besser entsprechen ist kein nach dem Mund reden, sondern die Bedürfnisse des Anderen und die Eigenen sehen und aus diesen heraus antworten.

Ich hatte im Laufe der Woche ein Gespräch mit einer Führungskraft, bei der es um Anweisungen ging, die von der Unternehmensleitung wegen Corona getroffen wurden. Diese wurden von Mitarbeitenden als ungerecht empfunden. Sie machten ihrem Unmut Luft und forderten die Führungskraft auf, Stellung zu beziehen zu dieser Ungerechtigkeit. Sie fühlte sich angegriffen und ebenfalls ungerecht behandelt und gleichzeitig in der Verpflichtung zu antworten. Nachher war sie sich nicht mehr sicher, ob die Antwort und ihr Verhalten adäquat waren.

Gerade diese Momente sind es, die uns fordern. In diesen Momenten schweigen und wirklich zuhören. Auf die entstehende Gefühle achten, vielleicht auch auf das Bedürfnis welches gerade nicht erfüllt wird. In der beschriebenen Situation, vielleicht das Bedürfnis nicht gesehen zu werden mit den eigenen Bemühungen fair und gerecht zu sein. Und eine Pause zulassen. Dann entsteht die Möglichkeit, achtsam zu antworten und die Verbindung zu halten.

Schweigen und Hören ist eine wichtige Kompetenz im Alltag und wir können diese üben. Wir üben diese z.B. durch Meditationen, in dem wir in uns hinein lauschen und auf das was entsteht nicht reagieren. Wir können diese aber auch mit einem Gesprächspartner üben.

Diese Übung ist der Achtsame Dialog. Hier eine kleine Anleitung:

  • Setzt Euch als Gesprächspartner (A und B) gegenüber. Vereinbart eine Zeit für das Reden z.B. 3 oder 5 Minuten.
  • Schliesst die Augen und legt fest, wer zuerst spricht (A).Startet den Timer. (Vielleicht mit einem schönen Gong)
  • A erzählt, B hört nur zu und lauscht dabei auch nach innen, was dort entsteht. Welche Impulse, Gedanken und Gefühle entstehen. Falls A nichts mehr zu sagen hat und die Zeit noch nicht abgelaufen ist, verbleibt ihr in Stille bis der Timer abgelaufen ist.
  • Anschliessend wechseln, mit der gleichen Dauer: B erzählt, A hört tief zu.
  • Danach kann ein Austausch darüber stattfinden, welche Erfahrungen gemacht wurden.

Dies kann z.B. eine schöne Übung am Abend mit Freund*in oder Partner*in sein, um das am Tage erlebte auszutauschen. Aber auch mit Kolleg*innen um z.B. Erfahrungen in einem Projekt oder einem Workshop auszutauschen.

Ich wünsche Euch viel Freude mit dem Achtsamen Dialog

Euer Oliver

Liebevolle Freundlichkeit

Ein Mensch mit gütigem, hoffendem Herzen fliegt, läuft und freut sich; er ist frei. Weil er geben kann, empfängt er; weil er hofft, liebt er

Franz von Assisi

An einem der letzten Sonntage war im Berliner Tagesspiegel eine Kolumne zum Thema „Selbstliebe“ („Ich & Ich: Der Trend zur Selbstliebe: Übertreibt’s nicht mit der „Self-Care“!, Angie Pohlers, Der Tagesspiegel 27.11.2020) Die Autorin hat genug vom Selbst-Pampern und der Ich-Bezogenheit. Ich kann Ihr nur zustimmen. Auch ich sehe ständig in den sozialen Medien, in Foren und Blogs und in der Werbung, die Aufforderung sich mehr selbst zu lieben. Und einiges davon geht tatsächlich am Ziel vorbei. Auch wenn es noch nicht Narzissmus ist, erscheint es mir doch manchmal den Tenor zu haben „Hauptsache mir geht es gut und dann wird es gut“.

Und gleichzeitig ist der Kern der in der Kolumne beschriebenen Selbstliebe wichtig und meiner Meinung auch zu praktizieren. Es geht dabei um den vierten Lebensfreund, die liebevolle Freundlichkeit. Liebevolle Freundlichkeit richtet sich auf die Förderung des Glücks und des Wohlergehens für sich selbst und für andere.

Im Prinzip gibt es eigentlich keinen Unterschied zwischen der liebevollen Freundlichkeit sich selbst gegenüber und der liebevollen Freundlichkeit anderen gegenüber. Um freundlich gegenüber anderen zu sein, muss ich auch freundlich mir gegenüber sein. Und wenn es dort Defizite gibt, die ich spüre, dann ist es durchaus sinnvoll bei der Person zu beginnen, auf die ich den grössten Einfluss habe, nämlich bei mir selbst. Martin Buber hat in einer seiner Geschichten den Satz geschrieben:

„Du sagst: ich liebe dich, und weißt doch nicht, was mir fehlt. Liebtest du mich in Wahrheit, du würdest es wissen.“ (Martin Buber)

Wenden wir das jetzt auf uns selbst an, heißt es: wenn wir uns „selbst lieben“, uns liebevoll freundlich gegenüber sind, geht es auch darum zu sehen, was uns fehlt, was uns leiden lässt.
„Selbstliebe“ ist damit nicht ein „sich mit sich wohlfühlen“ oder „es sich nett machen“. Es bedeutet vielmehr sich auch dem eigenen „Leid“ zu stellen und zu erfahren, was einem fehlt.

Und daraus entsteht wieder die Möglichkeit liebevolle Freundlichkeit für andere zu entwickeln oder zu stärken. Mit liebevoller Freundlichkeit können wir dann tatsächlich, wie einer meiner Lehrer (Frits Koster) gesagt hat, uns auf den Bereich des „Glücksthermometers“ einschwingen. der „über Null“ liegt und auch andere dabei unterstützen in diesen Bereich zu kommen.

Und in der Kolumne hat die Autorin die Gefahr der Übersteigerung der liebevollen Freundlichkeit dargestellt, das Anhaften an dem Wunsch „mir muss es gut gehen“ und die Abhängigkeit davon. Das ist dann nicht McMindfulness sondern McLovingkindness. Und dieses Anhaften steht dann auch im Zusammenhang mit Egozentrik.

Und was hat das mit dem Beruf und dem Arbeitsalltag zu tun? Liebevolle Freundlichkeit ist das Gegenteil von und das Heilmittel für „Ablehnung“, „Hass“ und „Groll“. Und daraus ergeben sich zwei Ansätze im beruflichen Alltag.

Einerseits zu schauen, welches „Leid“ entsteht mir oder leichter formuliert, was fehlt mir bei meiner Arbeit, um zufrieden, sozusagen über Null beim Glücksthermometer zu sein. Vielleicht auch die Frage zu stellen, wie schaffe ich es, meiner Rolle im Job gerecht zu werden? Und bei diesem Schauen dennoch freundlich mit mir zu bleiben.
Andererseits Kolleg*Innen und Mitarbeitenden liebevolle Freundlichkeit zu geben, die gerade im Stress sind , die Projekte oder Aufgaben gerade „ablehnen“ oder „Groll hegen“ gegen Kund*Innen oder Lieferant*Innen.

Zum Einüben der liebevollen Freundlichkeit ist eine der klassischen Übungen, die sogenannte Metta Meditation. Unter dem Link findet Ihr eine kleine Übung Mitgefühl und liebevolle Freundlichkeit für Euch einzuüben.

Atemraum mit Mitgefühl

Zum Abschluss noch eine Information in eigener Sache, am 14.01.2021 startet die neue 6 wöchige Workshop Reihe „Heartful Inner Work“ als Einführung zu Achtsamkeit und Mitgefühl am Arbeitsplatz.

Weitere Information und die Möglichkeit der unverbindlichen Anmeldung hier.
Heartful Inner Work

Euer Oliver

Mitfreude – Zwischenfreuen

Bei sich selbst be­ginnen, aber nicht bei sich enden; von sich ausgehen, aber nicht auf sich abzielen; sich erfassen, aber sich nicht mit sich befassen.

Martin Buber

Dieses Zitat hat Christoph Singer aus Wien am Freitag in der Online Morgenmeditation, an der ich regelmäßig teilnehme, vorgelesen. Seitdem lässt es mich nicht mehr los.  

„Bei sich selbst beginnen, aber nicht bei sich enden“ für mich ist das wie Aufruf Achtsamkeit und die 4 Lebensfreunde zu kultivieren. Wie bei vielen Menschen war es bei mir so, dass ich angefangen habe Achtsamkeit zu praktizieren, weil es mir nicht gut ging und ich nach Methoden gesucht habe Stress zu reduzieren. Mein Fokus lag darauf für mich etwas besser zu machen, vielleicht sogar besser zu werden. Was auch immer das heißt? Mit der stetigeren Praxis bemerkte ich, dass sich auch etwas in meinem Kontakt zu meinen Mitmenschen veränderte. Und das fühlte sich gut an und doch war ich noch auf dem Weg mich zu optimieren. Erst die Beschäftigung mit Mitgefühl und den anderen Lebensfreunden zeigte mir einen Weg, der nicht bei mir endete. Einen Weg der Veränderung, der nicht nur mich was anging. Wenn wir „sitzen“ – also meditieren – tun wir das nicht nur für uns, es bewegt insgesamt etwas, ich denke positives, in der Verbundenheit mit allen Wesen.  Und es kann spürbar werden, z.B. durch Mitfreude.

Der Kern der Mitfreude ist das Teilen, das Teilen von kleinen und großen Momenten des Glücks, in dem wir uns mit und für Andere freuen. Die unbeschwerte Anteilnahme ist ein Mittel gegen Neid und Eifersucht auf der einen Seite und auf der anderen wirkt die Mitfreude auch positiv auf unser Gehirn. Dem Gehirn ist es nämlich egal, ob wir uns über unser Glück oder das anderer freuen. Die positive Erfahrung stärkt unsere Ressourcen z.B. unsere empathischen Fähigkeiten und von diesen „profitieren“ dann wieder weitere Menschen. Aus diesen Zusammenhängen wird leicht ersichtlich, warum Mitfreude auch oder gerade im Arbeitsalltag so wichtig ist. Wenn wir uns für andere oder gemeinsam freuen, stärken wir unsere Gemeinschaft. Bei uns im Büro haben wir eingeführt, dass bei einem Auftragseingang, hinter dem ja in der Regel viel Arbeit steckt, ein Gong geschlagen wird und alle zusammenkommen. Der Zuständige erläutert dann kurz, worum es geht damit wir uns gemeinsam daran erfreuen können. Das gilt für jede Größenordnung von Auftrag. Seit dem ausgeprägten Home Office ist das leider nur durch Nachrichten in unserem Chatraum möglich, aber selbst das wirkt noch.

Und es geht dabei nicht um Schulterklopfen. Es geht eher um Wertschätzung und Dankbarkeit. 

In den letzten Jahren habe ich in verschiedenen Unternehmen über die Mitfreude gesprochen. In einem Unternehmen hat sich dafür ein neuer Begriff gefunden „das Zwischenfreuen“. (Ein tolles Wort, danke Christian für die Wortschöpfung.). In anderen Unternehmen werden Teammeetings nicht nur mit einem Blitzlicht, sondern ergänzend mit den guten Erfahrungen, dem Erreichten seit dem letzten Termin begonnen. All dies sind Aspekte der Mitfreude, die für alle wertvoll sind. Wenn wir uns mehr mit- und zwischenfreuen, werden ein wertschätzendes  und anerkennendes Miteinander gefördert. 

Es gibt natürlich auch eine kleine Gefahr, das Jagen nach den positiven vielleicht euphorisierenden Momenten. Da hilft uns wieder die Achtsamkeit an sich, das Anerkennen was da ist und das Bewusst werden, all der kleinen Glücksmomente am Tag, z.B. die Betrachtung dieses kleinen Ikebana Rosen Arrangements.

Jetzt noch ein paar Tipps Mitfreude zu üben

  • Danke sagen auch für die kleinen Dinge.
  • Wertschätzung aussprechen
  • Sich Erfolge berichten lassen 
  • Zeit nehmen für das Feiern von kleinen und großen Erfolgen
  • Vielleicht ein Ritual zum Mitfreuen implementieren (wie unser Gong)

Falls Ihr selber noch Ideen habt, wie Mitfreude geübt werden kann, schreibt diese doch einfach in einen Kommentar. Ich würde mich freuen.

Euer Oliver

Mitgefühl und Selbstmitgefühl

Selbstverurteilung und Selbstmisstrauen sind schwerwiegende Irrtümer… ich bitte Dich um nichts weiter als dies: Mach die Liebe zu deinem Selbst vollkommen.

Sri Nisargadatta, indischer Lehrer

Mitgefühl (eingeschlossen ist Selbstmitgefühl) ist der Lebensfreund, dem ich mich heute widmen möchte. Gerade das Wort Mitgefühl führt, so erfahre ich in meinen Workshops Zur Achtsamkeit in Organisationen mindestens zu Irritationen. Was ist das eigentlich und was hat das im beruflichen Kontext zu suchen? 

Eine schöne Definition von Rick Hanson lautet „Mitgefühl ist der Wunsch, dass ein Lebewesen nicht leiden muss, normalerweise verbunden mit dem Gefühl einer warmherzigen Anteilnahme.“ Und für Selbstmitgefühl: „Selbstmitgefühl verbindet den Wunsch und die Wärme von Mitgefühl mit dem Lebewesen welches Deinen Namen trägt.

Es geht also um den Umgang mit Leid. Was könnte Leid im Berufsalltag sein?

Nehmen wir folgende Situation, die sich so ähnlich auch zugetragen hat.  

Du schickst eine Mail raus, in der nicht vertrauliche, aber sensible Informationen stehen. Plötzlich stellst Du fest, dass die Mail nicht an den gewünschten Adressaten, sondern jemand anderes ging, der aber in dem Kontext, diese Informationen nicht hätte bekommen dürfen.

Was passiert jetzt in Deinem Inneren? Vielleicht: 

Wie konnte das passieren? Ich bin so ein Idiot? Was hat das für Konsequenzen? Ich bin schuld, dass die Info jetzt raus ist! Wir werden den Auftrag verlieren. Unser Ruf als vertrauenswürdiges Unternehmen ist ruiniert. Ich bin völlig dem weiteren Geschehen ausgeliefert.“

Jetzt entsteht Leid und nicht nur das, das Leid verstärkt sich noch, in dem z.B. die Konsequenzen ausgemalt werden. Ein zweiter und dritter Pfeil auf Dich oder uns selbst wird abgeschossen. Die Schmerzen werden größer. Und im Schmerz sind wir weniger kreativ, es reduzieren sich die erkennbaren Handlungsmöglichkeiten. Sicherheit fehlt auch, weil ja nicht klar ist was passieren wird oder schon passiert. Der innere Kritiker ist voll auf Touren.

Unabhängig von den Modellen von inneren Anteilen etc. und den Schutzfunktionen dieser, möchte ich dabei auf das Wort Kritik schauen. 

Kritik ist vom griechischen Wortstamm her die Kunst der Beurteilung oder steht für Richter. Und in der Beurteilung steckt „Das ist gut und das ist schlecht“ und wenn wir vor das Wort Kritik noch „Selbst-„  schreiben entsteht leicht „Ich bin gut und ich bin schlecht“ . In unserem Beispiel führt das mindestens in diesem Moment zur Abwertung des Selbst. Und wie bei einer Abwertung oder einem gefühlten oder realen „Angriff“ von außen, zu den bekannten Reaktionen Kampf, Flucht, Erstarren. Wie könnte das aussehen? 

Im Fluchtmodus vielleicht „Das liegt nur am Mailprogramm, da bin ich nicht schuld dran, das muss die IT mal anders einstellen.“

Beim Erstarren: „Am besten nicht drüber reden, vielleicht kriegt es keiner mit“

Im Kampfmodus: „Ich rufe da an und sagen denen, dass es ja wohl selbstverständlich ist, dass sie die Mail nicht lesen“ 

Bestimmt gibt es noch andere nicht adäquate Ideen für Reaktionen. Alle Alternativen sind jedoch nicht wirklich heilsam. Und vor allem, bringen sie nicht das hervor, was wir eigentlich im positiven Sinne von Selbstkritik erhoffen, dass wir Fehler erkennen und daraus lernen und in Zukunft anders handeln. Deswegen versuche ich persönlich das Wort Kritik und Selbstkritik nicht mehr zu verwenden. 

Hier kommt das Mitgefühl bzw. Selbstmitgefühl ins Spiel. Wie wäre es zu sagen: „Mist, mir ist ein Fehler passiert, Fehler passieren allen, möge ich jetzt mitfühlend mit mir umgehen, damit ich eine Lösung finde, um die Auswirkungen zu verringern und Wege zu finden, dass der Fehler nicht wieder passiert“. Vielleicht klingt das gestelzt und doch ist das der Kern. Und weil es nicht so einfach ist, ist es sinnvoll Selbstmitgefühl zu üben. Der nächste Muskelstrang der Achtsamkeit, der trainiert werden will.

Und was ist mit dem Mitgefühl? In einer Organisation, in der psychologische Sicherheit herrscht, also Menschen Fehler machen dürfen, es Feedback gibt, herrscht auch Mitgefühl. Wenn ich selber nicht in der Lage bin, mir gerade Selbstmitgefühl zu schenken, sind es vielleicht meine Kolleg*innen oder meine Chef*innen, die mir Mitgefühl schenken, mit ähnlichen Worten. „Oh ja, da ist Dir ein Fehler passiert, Fehler passieren doch uns allen. Ich fühle mit Dir, lass uns schauen ob wir eine Lösung finden, um die Auswirkungen zu verringern und Wege zu finden, dass der Fehler nicht wieder passiert“

Wäre das nicht hilfreich?

Und (Selbst-) Mitgefühl ist auch Etwas, was wir gerade in dieser Zeit brauchen. Ich höre z.B. in Gesprächen über das Home Office, „Das ist doch toll, ich kann meine Zeit besser einteilen oder die Ruhe tut mir wirklich gut, ich habe gerade weniger Stress, weil ich nicht reisen muss und kann mich auf mich konzentrieren“. Das denke ich häufig auch, und dann gibt es die Momente wo das genaue Gegenteil da ist. Ich kann den Tag nicht strukturieren, bin nicht effizient und fühle mich einsam und wäre gerne im Zug auf dem Weg zu einem Workshop. Und mich dann nicht z.B. für die Ineffizienz kritisieren sondern mit mir mitfühlend sein, hilft mir sehr. Und auch mitfühlend sein mit denen, die die beschriebenen Momente sehr selten haben, weil sie Kinder betreuen müssen oder Ihnen die Gemeinschaft der Kolleg*innen fehlt. Und das auch aussprechen und nicht immer nur die Vorteile von Home Office aufzählen, ist mitfühlend.

Kristin Neff hat in Ihrem Buch Selbstmitgefühl ein Mantra formuliert, welches ich Euch heute als Übung mitgeben möchte. Es besteht aus drei Sätzen. Der erste stärkt die Achtsamkeit und Akzeptanz, der zweite steht für die gemeinsame Menschlichkeit und der dritte für die Freundlichkeit mir selbst gegenüber und hat damit alle Zutaten für Selbstmitgefühl.

Ein Mantra für die Momente, in denen der innere oder auch äußere Kritiker zu stark ist oder ihr einfach Mitgefühl braucht.

DAS IST EIN MOMENT DES LEIDENS (KUMMERS /SCHMERZES) !

LEIDEN GEHÖRT ZUM LEBEN!

MÖGE ICH MIR IN DIESEM MOMENT MIT MITGEFÜHL (FREUNDLICH/GÜTIG/ LIEBEVOLL) BEGEGNEN!

Euer Oliver

4 Lebensfreunde – Gleichmut

„Manchmal muss man einfach alle fünf gerade sein lassen“

Deutsches Sprichwort

In der Ausbildung Heartful Leadership und in allen Kursen zur Achtsamkeit für Führungskräfte ist das Thema Achtsamkeit für mich untrennbar verbunden mit den 4 Lebensfreunden oder Herzensqualitäten. Die 4 Lebensfreunde machen aus Mindfulness Heartfulness und haben damit im Titel der Ausbildung und dieses Blogs ihren Platz gefunden. Mit dem obigen Flipchart steige ich übrigens häufig in das Thema ein.

Was sind nun diese 4 Lebensfreunde? Sie kommen aus dem Buddhismus und werden dort die 4 Unermesslichen bzw. die Brahma Viharas genannt. Es sind Gleichmut, Mitgefühl, Mitfreude und Liebevolle Freundlichkeit oder kurz Liebe.

Ich möchte die nächsten Blogs den 4 Lebensfreunden widmen und Euch ein paar Ideen geben, was Herzensqualitäten mit der Arbeitswelt zu tun haben.  Nico Roenpagel hat auf dem Reinventing Mindfulness Congress vor zwei Wochen, z.B. die Bedeutung der Lebensfreunde damit beschrieben, dass diese die Zutaten gegen den Trend zu MacMindfulness – dem Achtsamkeitshype mit dem hauptsächlichen Ziel der ständigen Selbstoptimierung – sind.

Ich möchte mit GLEICHMUT anfangen, gerade zurzeit ist das ein Lebensfreund, den ich nähren möchte. Gerade habe ich ihn auch wieder gebraucht, als mein Rechner stumm blieb und mein fast fertiger Blog irgendwo aber nicht mehr in meinem Zugriff war und ich mit neuem Mut wieder bei 0,01 gestartet  bin.

Bei Wiktionary steht „Gleichmut ist eine durch äußere und innere Einflüsse nicht aus dem Gleichgewicht zu bringende Gemütsverfassung“. Das trifft es schon ganz gut. Meine Lieblingsdefinition ist jedoch „eine Haltung mit offenem Herzen mutig auf alles zu schauen, was immer sich zeigt“. Gleichmut steht damit für eine offene, unbefangene und großzügige Haltung frei von Urteilen oder Bewertungen.

Grundlage für Gleichmut ist die Akzeptanz, die ich im letzten Blog angeschaut habe. Gleichmut wirkt gegen die Gleichgültigkeit, die vielleicht mit Akzeptanz entstehen kann. Statt „Ist halt so, kann ich nichts mach, ist ja egal“ eher „Ich kann es gerade nicht ändern, aber mal schauen was sich entwickelt und wie mein Beitrag sein kann“.

Diese ausgeglichene Haltung ist z.B. hilfreich bei Erfolg oder Misserfolg. Sie wirkt gegen übermäßigen Stolz bei Erfolg und vielleicht entstehende Nachlässigkeit („Beim nächsten Angebot können wir ein bisschen weniger investieren.“) und bei Misserfolg z.B. gegen Kreativitätsverlust („Habe auch keine Idee, was wir beim nächsten Mal anders machen sollten.“)  

In der Kommunikation und in der Zusammenarbeit zeigt sich Gleichmut  in der der Akzeptanz und einem offenen, nicht bewertenden Interesse an Kollegen und deren Meinungen und Positionen. Gleichmut ist damit auch eine gute Haltung für das Lernen und die Lernkultur (Fehlerkultur positiv formuliert)

Gleichmut hilft mir immer wieder in schwierigen Situationen im privaten aber auch beruflichem Umfeld, Vertrauen zu gewinnen, in mich, meine Fähigkeiten, unser Team und neuen Mut zu fassen Dinge anzugehen. Gerade jetzt im Lockdown, ist eine Haltung von Gleichmut besonders wichtig. 

Und auch Gleichmut kann geübt und trainiert werden. Gleichmut ist sozusagen ein Muskelstrang der Achtsamkeit, die ja auch der ständigen Übung bedarf.

Hier mein Tip für eine ein ca. 5 minütige Übung zum Gleichmut.

  1. Schliesse die Augen.
  2. Beobachte ohne zu bewerten Deine Körperempfindungen, Gedanken und Emotionen (ca. 3 Minuten)
  3. Formuliere innerlich einen „gleichmütigen“ Wunsch, den Du Dir dann schenkst. Du kannst z.B. einen der folgenden Vorschläge wählen:
    • Möge ich die Dinge akzeptieren wie sie sind“
    • „Möge ich Frieden damit schliessen, dass sich die Dinge ständig verändern“,
    • „Möge ich unbeschwert sein“
    • Möge ich inmitten der Unvorhersehbarkeit und Vergänglichkeit des Lebens gelassen bleiben.“
    • „Möge ich mit dem Auf und Ab im Leben gleichmütig sein.“

      Es kann auch ein anderer Wunsch sein, der für Dich passender ist.
  4. Wiederhole den Wunsch dann in Stille immer wieder für Dich.
    (ca. 2 Minuten)
  5. Zum Abschluss nimm noch einmal drei tiefe Atemzüge.

Du kannst auch einmal probieren, den Wunsch nicht Dir sondern Kolleg*Innen, Freund*Innen, Kund*Innen einfach anderen Menschen zu schenken.

Verwende auch gerne zum Einstieg die Innehalten Meditation aus dem letzten Blog und füge die Wünsche am Ende für Dich hinzu.

Viel Freude und Gleichmut

Euer Oliver

Verlangen und Akzeptanz

„Ohne Verlangen – so öffnet sich Dein Herz weit“

(aus „Motomenai – ohne Verlangen“ von Shozo Kajima,

Neue Erde GmbH 2016),

Was ist Verlangen?
Verlangen ist einfach gesagt der Wunsch, dass etwas anders wäre, als es ist. Das Verlangen nach einem bestimmten Zustand, nach einer Person, nach einer bestimmten Erfahrung, vielleicht der Erfahrung des Glücks, der Zufriedenheit. Das Verlangen nach Sicherheit. Das Verlangen die Kontrolle zu haben. Das Verlangen etwas aus der Vergangenheit wieder zu erlangen oder in der Zukunft etwas zu haben oder zu sein. Wir würden den Strom des Lebens gerne anhalten oder umleiten.

Verlangen ist so vielfältig und der Kern ist immer wieder nicht zu akzeptieren, was jetzt gerade ist. Und dieses Verlangen bereitet uns oft Schmerzen, weil wir nicht damit umgehen können, dass unser Wunsch jetzt gerade nicht erfüllbar ist. Wir stellen uns Fragen wie „Warum nicht?“ vielleicht geben wir auch anderen Menschen die Schuld dafür oder uns selber. Es ist uns nicht genug zu erkennen, dass das wir wollen jetzt nicht da ist. Im Gegenteil wir fügen uns durch diese Fragen und das Grübeln weitere Schmerzen zu und graben uns Löcher, aus denen wir schwer wieder herauskommen. Gerade vor dem morgen beginnenden „Lockdown light“ (Was für eine bescheuerte Wortschöpfung!!) werden wir wieder alle mit Verlangen zu kämpfen zu haben und uns vielleicht zusätzlichen Schmerz zu fügen.

Der erste Schritt mit „Verlangen“ umzugehen ist die Akzeptanz. Akzeptanz heisst nicht gut finden sondern das Anerkennen, dass es jetzt so ist. Aus dieser Akzeptanz heraus, werden wir wieder handlungsfähig. Wir können wieder kreativ werden, um mit der jeweiligen Situation umzugehen. Zum Beispiel neue Wege finden in Kontakt zu sein, wenn der persönliche Kontakt nicht möglich ist.
Mit Akzeptanz können wir das Verlangen verringern oder es sogar loslassen und wenn uns das gelingt, öffnet sich unser Herz weit.

Die Meditation in Stille und der Wahrnehmung dessen, was ist, hilft uns dabei Akzeptanz zu üben. Eine kleine Übung zur Akzeptanz ist das Achtsame Innehalten, bei dem Du wahrnimmst was „JETZT“ gerade da ist?

  • Schliesse die Augen.
  • Beobachte zuerst was du gerade im Körper spürst. Nimm es wahr ohne zu bewerten. (1 min)
  • Beobachte dann ohne zu bewerten, welche Gedanken gerade anwesend sind (1 min)
  • Dann wende Dich beobachtend und ohne zu bewerten, den anwesenden Emotionen zu (1 Min)
  • Zum Abschluss nimm noch einmal drei tiefe Atemzüge.

Eine ausführliche Anleitung für diese Übung findest Du als mp3 Download hier

Euer Oliver

Die Fülle der Achtsamkeit

Auf dem wunderbaren Reinventing Mindfulness Kongress Ende Oktober in Berlin habe ich mit Karl Hosang eine Session zur Erstellung einer eigenen Mindfulness-Practice durchgeführt. In der Vorbereitung haben wir uns darüber ausgetauscht, welche Prinzipien, Ideen oder auch Komponenten wir zur Achtsamkeit zählen.

Bei dem Gespräch wurde mir wieder einmal deutlich, welche Fülle und welche unterschiedlichsten Blickwinkel wir auf Achtsamkeit haben können.

Für den Kongress haben wir uns dann für 6 „Prinzipien“ entschieden, die wir als Grundlage unserer Session nehmen wollten.

Und um sie erlebbar zu machen, haben wir sie gleich mit je einer 2 Minuten Übung versehen. Probiert es gerne einfach mal aus.

Achtsamkeits-PrinzipAnleitung: 2 min Erlebnis-Übung
DankbarkeitGehe den bisherigen Tag in Gedanken durch – 
Was waren Momente der Dankbarkeit?
Lass das Gefühl der Dankbarkeit noch einmal tief
in dich einsinken?
AkzeptanzWas ist JETZT gerade da?
Beobachte, ohne zu bewerten:
Gefühle, Gedanken, Körperempfindungen, Reize
KonzentrationBeobachte die Atmung: nimm jeden Atemzug von Anfang bis Ende ganz genau wahr. 
Zähle dabei innerlich 7 bewusste Atemzüge.
MitgefühlSende Liebe & Wärme:
1. Dir selbst.
2. Dann wähle beliebige Personen aus dem Raum
oder deinen Leben.
Stelle dir die Person vor und sende ihr Liebe & Wärme.
TranszendenzBeobachte dich von außen. 
Nimm dich in deinem Umfeld wahr. 
Dehne dein Umfeld aus: 
Raum – Stadt – Land – Menschheit –
Erde – Sonnensystem – Universum.
Anfängergeist
Anfangsgeist
Du wirst jetzt in deinem Körper neugeboren. 
Dein Leben beginnt jetzt.
Alles, was bisher geschah, ist egal. 
Was ist die erste Erfahrung, die du jetzt machst?

Die ausführliche Beschreibung der Methode findet Ihr auf Karls Homepage:

Achtsamkeits-Methode erfinden

Vielen Dank Karl für die Dokumentation.

Viel Freude mit dem Ausprobieren

Euer Oliver

Achte auf Deine Schritte

„Achte auf Deine Schritte“ in diesem Satz aus einer Zen- Geschichte verbirgt sich für mich (fast) alles , was Achtsamkeit bedeutet. Auf meine Schritte achten, heißt u.a. bewusst gehen. Ich gehe bewusst die Straße entlang, in die Büroküche, zum nächsten Termin und ich gehe bewusst durch mein Leben.

Dabei „Achte“ ich darauf was in jedem Augenblick geschieht. Ich nehme wahr was ist, was passiert. Was sehe ich, was höre ich, was kann ich riechen und schmecken, was spüre ich körperlich. Welche  Gefühle,  welche  Gedanken sind anwesend?
„Was passiert gerade“ bezieht sich damit nicht nur auf das Außen , sondern was passiert gerade in mir! Spüre ich gerade Ärger? Fühle ich gerade Stress? Ist Freude da?“

Und die „Schritte“ beschreiben das, was ich tue. Ich kann aus dem, was gerade passiert, handeln. Ich sollte es sogar, wenn ich es denn bewusst wahrnehme. Denn neben der Aufforderung, steckt in dem „Achte“ auch eine Vorsicht und zwar nicht im Sinne von Angst, sondern eher von Behutsamkeit. Aus dem, was „Ist“ handeln, heißt Zeit zu geben für meine Reaktionen. Den Impuls zu handeln wahrnehmen, den Impuls für den nächsten Schritt und diesen dann bewusst machen.

In dem „Achte“ steckt auch noch die Beschreibung einer Möglichkeit oder Fähigkeit. Ich kann achtsam sein, wenn ich will, ich kann es lernen oder wiederentdecken – als Kind war ich oder waren wir wahrscheinlich sehr achtsam – und ich kann es üben und jeden Schritt neu erfahren.

Lernen und üben bedeutet auch, ich werde nicht immer achtsam sein (können). Welche Erleichterung!  Und deshalb ist es es wert sich darin regelmäßig zu üben und jeden Tag etwas mehr Achtsamkeit einzuladen. Für ein bewussteres Leben und Arbeiten, für einen anderen, besseren Umgang mit den Herausforderungen des Alltags, für mich und alle mit denen ich zu tun habe.

Und deswegen gibt es jetzt diesen Blog, als Anregung zu üben und die Achtsamkeit immer wieder neu einzuladen. Ich freue mich auf Euer/Ihr Feedback.

Euer Oliver

%d Bloggern gefällt das: