ENTScheidungen

Aus tiefstem Herzen sage ich Euch allen:
Leben und Tod sind eine ernste Sache.
Alle Dinge vergehen schnell, und kein Verweilen kennt der Augenblick.
Jeder von Euch sei wachsam, keiner sei nachlässig, keiner vergesslich.

ZEN Abendspruch

Seit gut 8 Monaten habe ich keinen inhaltlichen Blogeintrag mehr geschrieben. Als ich im Herbst 2020 begonnen habe, waren wir kurz vor dem 2.Lockdown und ich hatte viele Ideen, die ich teilen wollte. Schon damals habe ich mir allerdings gesagt, schreibe nicht, weil Du musst, sondern weil es etwas gibt, was Du teilen willst.

Jetzt kurz vor Weihnachten gibt es natürlich viele Anknüpfungspunkte zu Themen wie Mitgefühl , Freude oder Liebe. Die Zeit mit den kürzesten Tagen im Jahr, die Zeit um Weihnachten bzw. Neujahr, die so genannten Rauhnächte sind jedoch häufig auch eine „Wendezeit“, eine Zeit des Besinnens und vielleicht neu Ausrichtens, eine Zeit von Entscheidungen.

In dem Buch „Der Wal und das Ende der Welt“ von John Ironmonger las ich vor einiger Zeit folgenden Satz: „Der Großteil des Lebens ist wie die Fahrt auf einer Autobahn. Wir haben keine andere Wahl, als immer geradeaus zu fahren. Kontrollieren können wir nur die Reisegeschwindigkeit. Aber ab und zu kommen wir an einer Ausfahrt vorbei. Wir haben nur einen Augenblick, um uns zu entscheiden. Wir können auf der Autobahn bleiben, und es ändert sich nichts. Aber fahren wir ab, kommen wir in eine uns unbekannte Stadt.“

Unsere Entscheidungen führen uns in unbekanntes Terrain, wirklich zu wissen was passiert, ist eine Illusion. Das ist die eine Seite. Mit EntSCHEIDUNGEN nehmen wir außerdem einen neuen Weg und trennen uns von dem bisherigen. Wir können auch nicht einfach zurück, vielleicht finden wir einen Weg auf die „alte“ Straße, aber selbst dann haben wir andere Erfahrungen gemacht, als wenn wir auf der Straße geblieben wären und alle diese Erfahrungen sind dann Teil von uns.

Manchmal sagen wir zu uns „ich habe wohl die falsche Ausfahrt genommen“ also ich habe eine falsche Entscheidung getroffen und beginnen zu grübeln. Das kostet Kraft und führt zu nichts. Und mit dem Grübeln ist häufig auch eine Täuschung oder Illusion verbunden, z.B. die Illusion, hätten wir etwas anders gemacht oder entschieden, hätten wir die Kontrolle behalten. Sicher wäre etwas anderes passiert, nur auch darüber hätten wir keine Kontrolle gehabt. Und in der Regel treffen wir Entscheidungen auch im Berufsleben auf Basis dessen, was wir zu dem Zeitpunkt wissen. Wie so schön gesagt wird, mit „bestem Wissen und Gewissen“. Und wenn Dinge entstehen, die wir nicht erhofft oder erwartet haben, haben wir wieder die Wahl, nämlich wie gehen wir mit den Konsequenzen um. Das heisst übrigens nicht, nicht aus „falschen“ Entscheidungen oder „Fehlern“ zu lernen, nur eben unsere Kraft für den Prozess des Lernens und die Gegenwart zu nutzen und nicht den Widerstand zu nähren.

Im Sommer war ich für 6 Tage auf einem Zen und Wander Retreat in Stille und vor gut einer Woche habe ich an einem Online Sesshin (einem Zen-Retreat) teilgenommen. Beide Retreats haben mir einen weiteren Aspekt, warum wir uns mit Entscheidungen und den möglichen Konsequenzen manchmal schwer tun, wieder in Erinnerung gerufen.

Ich hatte einige Menschen von meinem Wander-Retreat erzählt und es kamen Reaktionen wie “6 Tage nicht reden, das könnte ich nicht, warum tust du dir das an ?…” oder “Wandern ist super, aber ohne Hüttenbesuch fehlt doch etwas…” Und irgendwie konnte ich spontan, darauf nur so etwas antworten, wie “macht mir nichts aus”. Dabei rede ich wirklich gerne und Hütten mag ich auch. Und bei dem Online Retreat, bei dem ich tagsüber gearbeitet habe, kamen von Kolleg*Innen Aussagen, wie „so früh aufstehen, da schlafe ich lieber“. Ich schlafe auch gerne. Warum habe ich mich also gegen Reden, Hütten oder Schlafen entschieden.

Beim Teisho (einer Lehrrede) unseres Lehrers Christoph Singer bei dem es um die Übung der Stille und des edlen Schweigens sowie das tägliche Sitzen ging, ist mir bewusst geworden, dass ich mich nicht gegen das Reden und gegen die Hütten oder gegen das Schlafen entschieden habe. Ich habe mich für diese einfache Übung des Schweigens und der Stille entschieden, dafür ganz bei mir zu sein, meinem Inneren zu begegnen und die äusseren Reize – außer beim Wandern die Eindrücke der Natur, der Pflanzen und Berge – zu minimieren. Und aus diesem sich für etwas entscheiden entsteht die Kraft es auch “durchzuhalten” also die Konsequenzen “zu ertragen”. Es fällt uns leichter mit erwarteten und unerwarteten Folgen der Entscheidung umzugehen, wenn wir uns für etwas entscheiden. Das “Gegen etwas” ist häufig nicht ausreichend, es ist nicht attraktiv genug. Das „Für etwas“ hilft uns bei Entscheidungen ein Bild davon zu haben wofür wir uns entscheiden.

Jetzt möget Ihr denken, dass ist doch nichts Neues oder ist doch klar. Richtig, nur ich gebe zu, dass es mir nicht immer bewusst ist. Und das bewusst machen, das Bewusstsein, darum geht es immer wieder.

Jetzt sind nicht nur 8 Monate vergangen, auch dieses 2. Corona Jahr nähert sich dem Ende, Weihnachten steht vor der Tür. Also ein guter Zeitpunkt, zu schauen, was nehmen wir aus diesem Jahr mit.

Und bei mir ist es, die aufgefrischte Erkenntnis, dass ich mich jeden Tag neu entscheiden kann.
Mit dem täglichen Sitzen entscheide ich mich immer wieder neu für die Einkehr, für die Stille. Ich entscheide mich, mich immer wieder den Fragen zu stellen „Wer ist es, der da sitzt“ oder „Wer atmet“ und entscheide mich damit auch immer wieder neu, mich von Vorstellungen, die mit dem, der da sitzt verbunden sind, zu verabschieden. Ich entscheide mich für diese einfache Übung, die für mich so wertvoll ist.

Und im Tagesablauf entscheide ich mich immer wieder mich dem gegenwärtigen Augenblick zu stellen, mit allem was sich zeigt, allem angenehmen und unangenehmen Erfahrungen. Und dass ich mich immer wieder den Konsequenzen, die sich aus meinen Entscheidungen und Handlungen ergeben, stelle, ohne sie genau zu kennen. Ich entscheide mich, mich in Achtsamkeit zu üben, nicht nachlässig zu werden in der Übung und nicht vergesslich.

Insofern habe ich diesmal keine ausführliche Anleitung für Euch. Einfach nur die Einladung sich in den nächsten Tagen auf einen Stuhl, ein Bänkchen oder ein Kissen zu setzen, innezuhalten, sich zu entspannen, den Atem zu beobachten und in Euch und in die Stille zu lauschen.

Ich wünsche Euch allen schöne Feiertage und egal, wie Ihr zu diesen steht, die Möglichkeit der Einkehr und der Stille. Und manchmal entsteht aus der Stille ein besonders intensives Gefühl von Verbundenheit, Freude und Dankbarkeit.

Liebe Grüße

Oliver

Wer die einfache Übung des in Stille Sitzens mal wieder gemeinsam erleben will, ist ganz herzlich eingeladen, am Donnerstag, den 23. Dezember 2021 um 19:00 bei der nächsten Heartfulness Meditation dabei zu sein.

Wir werden vier Schritte aus dem Chan oder Zen üben, um gemeinsam in die Stille zu kommen. Danach wird es noch die Möglichkeit des achtsamen Austauschs geben. Ich freue mich, wenn Ihr Euch anmeldet, damit ich besser planen kann. Eine spontane Teilnahme ist jedoch auch möglich.

Anmeldung per Mail, über die Kontaktseite oder direkt mit dem Link zur Teilnahme:

https://fairmeeting.net/HeartfulnessMeditation

Demnächst werde ich auch die geplanten Termine für 2022 (jeweils 19:00 Uhr) bekanntgeben.


    

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