Die apokalyptischen Reiter der Teamkultur

Wenn jemand darauf vertrauen kann, dass er oder sie in einem Konflikt gehört und ernst genommen wird, dann stehen die Chancen gut, dass er oder sie bereit ist, sich ebenfalls partnerschaftlich zu verhalten.

Marshall B. Rosenberg

Durch einen Facebook Post von einem meiner Lehrer, bin ich (erneut) auf das Konzept der apokalyptischen Reiter in Paarbeziehungen von Joseph Gottmann gestoßen. Und als ich mir das dazu gehörende schematische Bild anschaute, wurde mir bewusst, dass diese Reiter nicht nur Paarbeziehungen zerstören, sondern auch “toxisch” (um ausnahmsweise mal in der apokalyptischen Sprache zu bleiben😉) im beruflichen Umfeld z.B. in Teams sein können.

In der inzwischen sehr bekannten Studie von Google (rework Studie) zu erfolgreichen Teams wird insbesondere die psychologische Sicherheit als Erfolgsfaktor für Teams beschrieben. „Teammitglieder sind bereit, gegenüber anderen Teammitgliedern Risiken einzugehen und ihre Verletzlichkeit zu zeigen.“ Dazu gehört z.B. der Umgang mit Fehlern. „Ich darf Fehler machen. – Ich darf Fehler ansprechen. – Falls ich einen Fehler mache, kann ich auf die Unterstützung meines Teams bauen.”

Mit den vier bzw. fünf apoklaytischen Reitern (der 5. kam erst später dazu) wird genau diese psychologische Sicherheit gefährdet oder sogar zerstört. Die Reiter heißen:

  • Kritik
  • Abwehr / Verteidigung
  • Verachtung oder Geringschätzung
  • Rückzug / sich verschließen
  • Macht ausüben / Machtdemonstration

Heartfulness also Achtsamkeit, Mitgefühl, Mitfreude, Freundlichkeit und Gleichmut sind die heilsamen Mittel gegen diese Reiter. Die Herausforderungen bestehen dabei natürlich auf allen Seiten. Bei denjenigen, die etwas ausdrücken wollen und denjenigen, die empfangen. Und damit ist es eine Frage des Hörens (mit Schuld oder Verständnis), Redens (mit Dominanz oder Mitgefühl) und Fühlens (Ignoranz oder Achtsamkeit). Ich habe im Folgenden versucht anhand von Beispielen, die sagen wir mal, nicht ganz aus der Luft gegriffen sind, die Reiter und alternative oder besser heilsamere Kommunikation und Verhalten gegenüberzustellen.

Kritik

„Du bist nie da, wenn Du im Projekt gebraucht wirst…“ oder „Ihr habt ja auch die einfachen Themen …“

„Die Projektabgabe ist in drei Wochen, ich bin besorgt, ob ich es alleine bewältigen kann. Der Projekterfolg ist mir wichtig ist. Ich brauche bitte Unterstützung von Euch.“

Kritik in dieser Form beschreibt dabei nicht nur, dass etwas nicht so ist, wie wir es uns wünschen. Sie verbindet dies mit einer negativen Aussage über die Personen oder besser Persönlichkeit

Ich – Botschaften und wertschätzendes Feedback, z.B. mit den vier B, Beobachtung – Befinden – Bedürfnis – Bitte, sind die Alternative zu Kritik. Und auf der anderen Seite steht das aktive oder tiefe Zuhören, um auch Kritik mit Verständnisohren und nicht mit Schuldohren zu hören.

Verteidigung

„Warum hast du das nicht früher gesagt.“ oder „Ich wollte ja, ihr habt mir aber keine Gelegenheit gegeben und außerdem habe ich mich an die Regeln gehalten…“

Die Verteidigung dient natürlich dem Selbstschutz und dem Vermeiden von Verletzung. Gleichzeitig dient sie in dieser Form dazu sich selbst aus der Verantwortung zu nehmen.

Verteidigung in dieser Form als Rechtfertigung eskaliert schwierige Situationen eher.

„Mit der jetzigen Situation bin ich überfordert. Mir ist wichtig, dass jeder seinen Teil zum Teamerfolg beiträgt. Ich würde gerne Deine/Eure Einschätzung zur Situation kennenlernen.“

Verantwortung übernehmen für die eigenen Emotionen und Bedürfnisse ist der Weg aus der Verteidigung. Und dazu ist es hilfreich diese zu benennen. Die Blitzlichtrunde “Wie geht es mir gerade” ist eine gute Übung sich als Team darauf einzustellen, dass das Ansprechen von Emotionen auch in den Berufsalltag gehört.

Hilfreich ist es auch, sich der Bedürfnisse der anderen bewusst zu sein bzw. sich diese bewusst machen. (Hier unterstützt die “Genau wie ich Meditation”)

Verachtung

Du bist echt unfähig, das zu erledigen, oder? oder „Das hätte ich von Dir nicht erwartet…“

Verachtung ist häufig mit Sarkasmus gepaart. Verachtung macht die Abwertung explizit und ist in Beziehungen und damit auch Teams mehr als nur ein Alarmsignal.

„Deine Aussage / Leistung irritiert mich. Gibt es etwas, wie ich/wir Dir Unterstützung geben können.

Eine wertschätzende Atmosphäre und ein entsprechendes Verhalten ist hier der Weg. Wertschätzung im Team können wir durch Dankbarkeit und Mitfreude kultivieren. Gemeinsam Erfolge feiern, sich auch für kleine Dinge bedanken und sich regelmäßig positives, wertschätzendes Feedback geben.

Rückzug

„Darüber will ich nicht reden…“ oder „Meine Stimmung geht Euch nichts an, es geht um das Thema…“



Rückzug oder auch Mauern dient natürlich auch dem Schutz. Dadurch wird jedoch die Verbindung gekappt. Ein Austausch wird verhindert.

Die Situation ist gerade echt unübersichtlich, ich bin verunsichert, weil ich nicht weiß wo wir und ich gerade stehen. Ich brauche etwas Zeit um mich zu sortieren und dann würde ich gerne Eure Einschätzung habe.

Eine Pause machen. Einen zeitweiligen physischen Rückzug durch einen Spaziergang oder Entspannung suchen. Eine Atemmeditation oder einen Body Scan machen. Wenn es vielleicht bereits etabliert ist, kann auch eine gemeinsame Meditation in Stille sehr hilfreich sein.

Machtdemonstration

„Das muss ich wohl mal wieder selber regeln…“ oder „Das werde ich der Leitung melden…“

Die Machtdemonstration ist die Darstellung der eigenen Überlegenheit und damit die Abwertung der anderen. Moralische Arroganz ist eine Bezeichnung, die ich heute in einem anderen Zusammenhang gelesen habe, die aber einen Aspekt der Machtdemonstration gut beschreibt. Ein anderer Aspekt ist die Ablehnung von Kompromissen.

„Im Moment weiß ich nicht weiter. Ich brauche gerade Halt. Wie wäre es wenn wir uns Unterstützung organisieren?“

Machtdemonstration ist auch ein Zeichen von Hilflosigkeit, ein „keine Lösung“ sehen. Die Übung von Gleichmut kann hier das Gegenmittel sein. Auch ist es hilfreich auf die Bedürfnisse der Einzelnen zu schauen und sich gegebenenfalls Unterstützung für das Finden von Lösungen und Kompromissen zu holen. Regelmäßige Teamsupervision oder Retrospektiven sind gute vorbeugende Lernerfahrungen für Teams.

Wenn ich jetzt an meinen letzten Blogeintrag denke, ist natürlich auch klar, dass es uns nicht immer gelingen wird achtsam und mitfühlend zu
(re-)agieren. Vielleicht entstehen auch mal Situationen, in denen einer der Reiter erscheint. Hier hilft dann eine andere Erkenntnis von Joseph Gottmann. Die sogenannte 5:1 Ratio. Gute oder auch glückliche Beziehungen lassen sich daran erkennen, dass auch in einer Auseinandersetzung fünf positiv erlebte Momente einem negativen gegenüber stehen.

Es lohnt sich also, es immer wieder neu zu versuchen, auch wenn wir ab und zu mal scheitern.

Euer Oliver

Bild von John Hain auf Pixabay

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